Interview

Moving Mobility Interiors into the future

Kategorie

Interview

Veröffentlicht am

06.11.2020

Metainfos

Business-Transformation, Interior Innovation

Seisenbacher CEO Werner Pumhösel im Gespräch über die Zukunft des Mobility Interiors, „dumme“ und „smarte“ Ausstattung und die Business-Transformation mitten in einer Pandemie.

Inventing Mobility Interiors ist die Vision von Seisenbacher. Was bedeutet das konkret?

Es heißt, nicht darauf zu warten, dass ein potenzieller Kunde Produkte kaufen möchte, sofern der Preis stimmt. Sondern die technologischen Entwicklungen in der Gesellschaft  sowie die  Anforderungen von Betreibern und Passagieren zu kennen und diese in ein Produkt- und Lösungsportfolio zu übersetzen und aktiv ein Produkt- und Lösungsportfolio aufzubauen, das die Bedürfnisse trifft. Wir versuchen diese Bedürfnisse früher zu erkennen als zum Beispiel der Waggonbauer und eine Lösung zu entwickeln – damit sie dann schon bereit steht, wenn sie gefragt ist.

Wie gelingt der Spagat zwischen den drei Gruppen: Betreibern, Herstellern und Fahrgästen?

In dem man diejenigen in den Mittelpunkt stellt, deren Bedürfnisse am schwierigsten vorherzusagen sind: die Passagiere. Im Wesentlichen geht es darum zu verstehen, wie man aus der Reisezeit gut genutzte Zeit machen kann, sodass der Nutzer die Reise nicht als Zäsur empfindet, die aktuell etwa so aussieht: Ich komme an den Bahnhof, um bei der Schiene zu bleiben, mein Leben macht Pause, während ich in einer Röhre sitze, die mich dort hinbringt, wo ich hin möchte und dann geht mein Leben wieder weiter. Uns geht es darum, aus der Reisezeit sinnvoll genutzte Lebenszeit zu machen. Ganz abhängig davon, welche Bedürfnisse man eben hat. Ein Geschäftsreisender erwartet da etwas anderes als eine Familie, die gerade in den Urlaub fährt.

CEO Werner Pumhösel

Was kann man konkret tun?

Wir versuchen zum Beispiel die Einflüsse der Digitalisierung ganz stark einfließen zu lassen. Im Moment gibt es ja in Schienenfahrzeugen vielleicht WLAN, das ist aber schon das Nonplusultra (lacht). Wireless Charging für alle Devices, die man nutzt, ist aber genauso eine wichtige Frage wie etwa die Datensicherheit und vieles mehr. 

Unsere Aufgabe ist es – polemisch gesagt – dumme Ausstattungsteile, Verkleidungen, Trennwände und so weiter, smart zu machen. So smart, dass sie die Bedürfnisse der Menschen eben auch wirklich abdecken. Das hilft natürlich auch dem Bahnbetreiber, seinen Passagieren mehr zu bieten und die Menschen dazu zu bringen, sein Angebot zu nutzen – anstatt das eines anderen.

Dieser Ansatz tut ja nicht nur auf der Schiene gut.

Ganz genau. Darum wollen wir auch dorthin, unser Mobility Interior auch zum Beispiel in die Luft- oder Schifffahrt zu bringen.

Um seine Ideen zu verwirklichen stellt Seisenbacher Modularität ins Zentrum seiner Entwicklungen. Wieso das?

Das hat sehr viel mit Erfahrung aus anderen Industriebereichen zu tun, wo Modularität viele positive Aspekte gebracht hat. Im Interior ist das aber noch nicht so angekommen. Um auf der Schiene zu bleiben: Da ist jedes ein Gesamtkunstwerk, das nur für genau ein Projekt gemacht ist. Das andere Extrem sind natürlich massengefertigte Einzelteile – der gleiche Sitz zum Beispiel, den es nur in einer anderen Farbe gibt.

Wir wollen die Vorteile der Modulbauweise nutzen, um auf der einen Seite standardisierte Bauteile einzusetzen. Das bringt Vorteile in der Produktion, niedrigere Kosten, aber auch zum Beispiel bessere Verfügbarkeit von Ersatzteilen. Auf der anderen Seite ermöglicht die Modularität natürlich ein hohes Maß an Individualität und Anpassbarkeit. Damit uns das gelingt, arbeiten wir auch mit einem renommierten Designstudio zusammen.

Seisenbacher hat sich vom Produktionspartner zum Innovationspartner der Industrie entwickelt und sich auch als Unternehmen neu ausgerichtet...

In der Vergangenheit haben wir als klassischer Mittelständler hauptsächlich nach Bedarf produziert. Die Veränderung hin zu einer Beobachtung von Bedürfnissen, von Innovationen und deren Umsetzung in Interieurs, ist natürlich ein Paradigmenwechsel. Wir haben das Unternehmen intern umgekrempelt. Wir verändern vieles: die Strukturen, den Zugang zu Informationen und vor allem unsere Herangehensweise und Denkweise.

Wie schafft man das?

Dazu braucht es auch die richtigen Köpfe. In den letzten drei Jahren ist es uns aber nicht nur gelungen, eine erfolgreiche Entwicklungsabteilung aufzubauen, sondern auch Menschen zu beschäftigen, die ein entsprechend offenes Mindset haben. Die genau darauf fokussiert sind: Wie entwickelt sich die Welt weiter? Wie die Industrie? Welche Technologien gibt es und welche Möglichkeiten, die die Menschen auch wirklich brauchen, kann man damit schaffen? Unser Erfolg hat viel mit dieser Wahrnehmung, diesem Bewusstsein und der Leidenschaft der Menschen zu tun. Und mit einem Team, in dem Erfahrung und neue Ideen sich gegenseitig befruchten und Dinge auch mal neu betrachtet werden. Der beste Fachmann hilft uns nichts, wenn er nicht visionär denken kann. Niemand hätte je die Glühbirne erfunden, wenn alle immer nur daran gearbeitet hätten, die Kerze zu verbessern.

War 2020 mit allen seinen Schwierigkeiten das richtige Jahr für diese Transformation?

Wir haben den Transformationsprozess ja schon vor der Krise begonnen. Aber wir sind auch überzeugt davon, dass die Krise selbst genauso leicht oder schwer ist, wenn man seinen Fokus neu ausrichtet. 

Das Know-how, die Menschen, sind ja da, wir hatten also keine massiven Investitionen. 

Nach der Krise wird der Markt ein anderer sein als zuvor und wenn wir danach unser Geschäft in die richtige Richtung transformiert haben werden, stehen wir wesentlich besser da. Wir sind natürlich auch von Auftragsverschiebungen betroffen gewesen, aber wir haben die freien Kapazitäten für etwas genutzt, das uns weiterbringt.


Stichwort "weiter". Wo geht die Reise von Seisenbacher in der ferneren Zukunft hin – in 5 oder 10 Jahren?

In jedem Fall noch sehr viel mehr in Richtung Entwicklungspartner der Industrie. Aber auch in Passenger Safety – wo schon aktuell einer unserer Schwerpunkte liegt – wollen wir noch stärker werden. Auf dem Bereich Nachhaltigkeit wird sicher ein großer Fokus liegen. Die Entwicklung und Anwendung nachhaltiger Materialien sind auf der Schiene zum Beispiel im Moment durch gesetzliche Regelungen noch sehr eingeschränkt. Da wird sich aber bestimmt etwas tun. Neue Fertigungsverfahren für mehr Energieeffizienz oder der Leichtbau werden uns sicher ebenfalls begleiten. So wollen wir uns noch mehr als Innovationspartner für die Mobility-Industrie aufstellen – und das schließt Betreiber, aber auch OEMs ein.

Darf’s noch ein bisschen mehr Information sein?

Wir helfen Ihnen gerne weiter, wenn Sie mehr erfahren möchten. Kontaktieren Sie mich einfach.
Georg Malleier
Executive Assistant, Marketing
Jetzt kontaktieren

Neues von Seisenbacher